Positive Effekte von Studiengebühren? Studiengebühren schrecken doch niemanden ab? Ende September wurde eine Studie veröffentlicht, die sich an die Gegner*innen von Gebühren richtet und zeigen soll, dass niemand durch Gebühren vom Studium abgehalten würde. Bereits der provokante Titel “War all die Aufregung umsonst” vermittelt, dass es sich bei dem These in erster Linie um eine rein politisch motivierte Behauptung ohne Grundlage handeln soll.
Die am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) veröffentlichte Untersuchung beruft sich auf Daten des HIS (Hochschulinformationssystem), das in den letzten Jahren die „Studierneigung“ von Hochschulzugangsberechtigten eines Jahrgangs per repräsentativer Umfrage ermittelte. Verglichen wurde die Studierneigung der Studierenden, die in den gebührenfreien Bundesländern leben, mit denjenigen, die in Bundesländern leben, die Studiengebühren eingeführt haben. Da Daten auch von der Zeit vor der Einführung von Studiengebühren vorliegen, konnte eine zeitliche Entwicklung abgelesen werden. Das Ergebnis: „Bundesländer, die Studiengebühren eingeführt haben, verzeichnen einen leichten Anstieg an Studienberechtigten mit Studierabsicht im Vergleich zu Ländern, die keine Studiengebühren eingeführt haben.“ Obwohl dieser leichte Anstieg statistisch nicht signifikant sei, sei zu erkennen, dass Studiengebühren zumindest keinen negativen Effekt auf die Studierneigung hätten, folgern die Autor*innen.
Im Folgenden wollen wir kurz einige Aspekte dieser Studie aufgreifen und zeigen, warum ihr Ergebnis sicherlich nicht ein für alle mal beweist, dass die sozialen Auswirkungen von Studiengebühren vernachlässigbar sind.
Studierneigung = Immatrikulation?
So heißt es in der erst im April veröffentlichten Studie des HIS “Studienentscheidung im Kontext der Studienfinanzierung”: “Etwa 5 % aller Studienberechtigten des Jahrgangs 2008 geben ein halbes Jahr nach dem Erwerb der Hochschulreife auf die Frage nach den Gebührenauswirkungen an, kein Studium aufzunehmen, da sie sich allgemeine Studiengebühren nicht leisten könnten [..]. Hinzu kommt knapp 1 % der Befragten, die sich aufgrund von Studiengebühren hinsichtlich der Aufnahme eines Studiums noch unsicher sind. Aber auch unter den 5 % der Studienberechtigten, die bekunden, angesichts der Erhebung von Studiengebühren kein Studium aufzunehmen, sind noch knapp zwei Fünftel (39 %), die eine Studienaufnahme für die Zukunft zumindest nicht vollständig ausschließen. Der Anteil derer, die (vorerst) kein Studium aufnehmen, da sie sich die Gebühren nicht leisten könnten, liegt somit zwischen 3,2 % (Studienaufnahme wird definitiv ausgeschlossen) und maximal 5,9 % (Studium wird zum Teil noch in Erwägung gezogen). Umgerechnet in Absolutzahlen verzichten also zwischen 14.000 und etwa 26.000 Schulabgänger/innen des Schulentlassjahrgangs 2008 nach eigenem Bekunden (auch) aufgrund allgemeiner Studiengebühren auf ein Hochschulstudium.” (Seite 57) Auf diese eigentlich eindeutigen Zahlen über den kausalen Zusammenhang von Studiengebühren und Studienverzicht wollen sich die Autor*innen der WZB-Studie nicht verlassen.
Für sie zählen die Aussagen der von Studiengebühren Betroffenen nicht als „durch Fakten belegtes Wissen“, sondern seien lediglich subjektive Einschätzungen: “die so gestellte Frage ermöglicht es den Befragten, ihren Studienverzicht im Nachhinein mit den Studiengebühren zu rechtfertigen.“ Interessanterweise soll nun als Grundlage der vorliegenden Untersuchung ein sehr viel subjektiver erscheinendes Phänomen dienen, nämlich die sogenannte Studierneigung von Studienberechtigten eines Jahrgangs. „Studierneigung ist eine dichotome Variable und umfasst all jene, die ein halbes Jahr nach Erlangen der HZB [Hochschulzugangsberechtigung - AStA] bereits an einer Hochschule eingeschrieben waren, sowie diejenigen, die zum Befragungszeitpunkt noch keine Studierenden sind, aber mit Sicherheit ein Studium planen.“ (Seite 9) Dieses Konstrukt ist dabei nicht unbedingt unproblematisch, da es sich hier zum einen lediglich um eine Momentaufnahme eines Entscheidungsprozesses handelt und zum anderen Teil um ein reales Ergebnis (die erfolgte Einschreibung an einer Universität). Zum Einen ist nicht klar ob bei vielen, die angeben, „sicher studieren zu wollen“, der finanzielle Aspekt bereits ebenfalls durchdacht wurde und das Studium auch tatsächlich finanzierbar sein wird. Auch unklar ist, ob das geplante Studium tatsächlich an einer Hochschule erfolgen soll, die Studiengebühren erhebt. Gerade in Fächern, die eine Bewerbung und ein aufwendiges Zulassungsverfahren erfordern, kann sich diese Frage erst sehr spät stellen.
Festzustellen, dass Menschen trotz Studiengebühren eine Studienaufnahme anstreben, ist die eine Sache. Die große Frage ist dabei andererseits aber gerade die, ob ein Studienwunsch sich auch verwirklichen lässt. Dieses Problem wird mit der lapidaren Feststellung umgangen, es bestünde eine “hohe Übereinstimmung zwischen der geplanten und der tatsächlich realisierten Studienaufnahme”.
Niemand zieht weg?
Eine weitere problematische Frage ist, inwieweit die Gegenüberstellung von Bundesländern mit Studiengebühren und von gebührenfreien Bundesländern den Abschreckungseffekt von Studiengebühren überhaupt angemessen abbilden kann. Einzelne Bundesländer sind bekanntermaßen keine abgeschlossenen Systeme, an die die Studierenden gebunden sind. Auch wenn für viele Studierende die Aufnahme eines Studiengangs in der Nähe des Heimatortes eine hohe Priorität einnimmt, besteht immer auch die Möglichkeit eines Umzugs. Auch für Studienberechtigte in einem Land mit wenigen Universitäten – wie Bremen oder Schleswig Holstein – kann ein abschreckender Effekt von Studiengebühren bemerkbar werden, wenn die Nachbarländer sie einführen.
Die Ideologie vom homo oconomicus
Ein zentraler Fehler der Studie ist allerdings in ideologischen Vorannahmen zu finden. So wird den Studierenden ohne jede empirische Grundlage ein durchökonomisiertes Denken unterstellt: “Der oder die Einzelne wägt Kosten, Erträge und subjektive Erfolgswahrscheinlichkeiten von verschiedenen Bildungsgängen gegeneinander ab und entscheidet sich dann für die Option mit dem größten relativen Nutzen.“ Auch wenn ökonomische Gründe sicherlich eine große Rolle bei der Studienaufnahme spielen und häufig auch ausschlaggebend sind, dürfte nur ein sehr geringer Anteil der Studierenden eine solche Entscheidung im Wesentlichen auf der Basis eines solchen Kalküls treffen.
Der sicherlich bei den meisten Studierenden noch durchaus komplexere Entscheidungsprozess, der auch lange noch Faktoren wie Interesse einschließen dürfte, wird ausgeblendet. In manchen Fächern, z.B. in geisteswissenschaftlichen Fächern, in denen kein klares Berufsbild mit einem Standardgehalt am Ende des Studiums steht, dürfte es ohnehin sehr schwer werden, eine solche Rechnung aufzustellen.
Diese Aussage verrät vermutlich aber eher etwas über die Einstellung der Verfasser*innen zu Studiengebühren, als über die Studierenden selbst: Die Durchsetzung der Logik der unterstellten Kosten/Nutzen-Rechnung, die das Studium allein auf ein bloßes Mittel zur Verelendung der eigenen Arbeitskraft reduziert – zur Verbesserung der Chancen in der Konkurrenz um Arbeitsplätze gegen andere –, ist doch gerade ein wesentliches Ziel, das mit den Studiengebühren erst durchgesetzt werden sollte.
Ohne zu zögern von vornherein davon auszugehen, verschleiert viel mehr noch einen wesentlichen Aspekt von Studiengebühren, der hochgradig kritikabel ist: Sollte sich diese Logik tatsächlich inzwischen bei (potentiellen) Studierenden vermehrt finden lassen, ist das kein bloßes Abbild dessen, was Studierende anstreben. Es wäre keine „Voraussetzung“ unter der man sich ansehen kann, ob die Organisation des Studiums den Wünschen der Studierenden entspricht. Es wäre vielmehr ein Zeichen dafür, dass Studiengebühren einen wesentlichen politischen Zweck, für den sie eingesetzt wurden, bereits beginnen zu erfüllen: Ganz im Sinne anderer jüngerer Umstrukturierungen im Bildungssystem trügen sie dazu bei, dass das Studium mehr und mehr von jenen Aspekten bereinigt wird, die einmal Freiräume für Selbstentfaltung geboten haben. Dass das Studium auch von den Studierenden nicht mehr als Möglichkeit zur Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, sondern als notwendiges Übel zur eigenen Verwertbarmachung für den Arbeitsmarkt begriffen werden soll, ist keine Voraussetzung, sondern bestenfalls das gewünschte Ergebnis der aktuellen bildungspolitischen Entwicklungen.
Fazit
Die Aussage, dass Studienberechtigte aufgrund von Studiengebühren auf ein Studium verzichten, bleibt also weiterhin gültig. Gleichzeitig stellen Studiengebühren auch für die Studierenden, die sie zahlen (können), eine erhebliche Mehrbelastung und Einschränkung ihrer Lebensqualität dar. Studiengebühren sind nicht bloß ein Mittel zur Konsolidierung der Landeshaushalte mit dem Nebeneffekt verschärfter sozialer Selektion. Sie sind darüber hinaus Teil eines politischen Umgestaltungsprozesses des Bildungssystems, der auch die letzten Freiräume zur kritischen Reflexion und zur individuellen Selbstentfaltung gegen eine ökonomisch reduzierte Ausbildung zu ersetzen anstrebt, die noch jede verbrachte Minute auf ihre Verwertbarkeit hin befragen möchte.
Der Kampf gegen Studiengebühren wird solange weiter gehen, bis sie auch in Niedersachsen und Bayern abgeschafft sind. Der Kampf für ein freies und selbstbestimmtes Studium kann damit erst beginnen.