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„Eine einschlägige Studie zum Ausmaß sexualisierter Gewalt ist die Untersuchung zur „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen“ die 2004 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgegeben wurde. Demnach hat jede siebte Frau zwischen dem 1 6. und 65. Lebensjahr sexualisierte Gewalt erfahren. In dieser Studie wird eine Trennung zwischen sexualisierter Gewalt und Belästigung gemacht. Bezüglich sexualisierter Gewalt wird mit einem engen Gewaltbegriff gearbeitet. Dies bedeutet, dass ausschließlich strafrechtlich relevante Formen unter diesen Gewaltbegriff fallen. Wird der Gewaltbegriff, so wie auch in dieser Broschüre, weiter gefasst, so sind die Zahlen erheblich höher. Jede/s dritte bis vierte Frau/Mädchen hat sexualisierte Gewalt erfahren. Die Täter sind zu 99% männlich und befinden sich mehrheitlich im sozialen Nahbereich der betroffenen Frauen und Mädchen.“

Sexualisierte Gewalt ist in allen gesellschaftlichen Bereichen ein Problemfeld, das häufig tabuisiert wird. Die Universität ist davon nicht ausgeschlossen. Auch hier sind Frauen sowie Lesben, Schwule, Trans und Queers von sexualisierter Gewalt betroffen. Das zeigen Untersuchungen, Resumees der Anlaufstellen und die Erfahrungen der Betroffenen.

Um wirksam gegen sexualisierte Gewalt und ihre Folgen vorzugehen ist es wichtig, solidarisch mit den Betroffenen zu sein, unterstützend und sensibilisiert zu reagieren. Es existieren in unserer Gesellschaft jede Menge Mythen darüber, wie sich Betroffene zu verhalten haben solle oder dass sonst auch eine Teilschuld bei ihr läge. Täterschützende Argumentationen und ein pauschales Infragestellen der Betroffenen sind weit verbreitete, falsche und schädliche Umgangsweisen mit sexualisierter Gewalt. Denn es gilt: Ob eine Grenzverletzung stattgefunden hat, kann lediglich die Betroffene benennen. Sie ist diejenige, die sagen kann, ob ihre Grenzen überschritten worden sind und niemand anders.

Hochschulen___kein_Raum_fuer_sexualisierte_Gewalt.pdf (6,26 MB)
Die Broschüre „Hochschulen … [K]ein Raum für sexualisierte Gewalt?[!]“ bietet einen Überblick und Einstieg in die Thematik. Gedruckte Exemplare gibt es im AStA und beim Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät

Was ist sexualisierte Gewalt?Als sexualisierte Gewalt werden jegliche sexuell konnotierten Worte, Gesten, Handlungen und Verhaltensweisen bezeichnet, die als übergriffig, grenzüberschreitend und verletzend empfunden werden. Bei sexualisierter Gewalt geht es nicht um sexuelle Bedürfnisse, sondern Sexualität fungiert als Ausdrucksform zur Ausübung von Macht und Kontrolle. Wichtig ist, dass Sexualität immer auf Einvernehmlichkeit aller Beteiligten basiert. Konkret bedeutet das, dass jede sexuelle Handlung, Aktion, oder jedes Verhalten zu jeder Zeit von jeder Person verändert, verlangsamt, oder gestoppt werden kann. Werden jedoch die Grenzen und Bedürfnisse einer Person ignoriert oder überschritten, handelt es sich um gewaltförmiges Verhalten, nicht um Sexualität. Deswegen können ebenso Worte und Gesten gewaltförmig sein.

An wen kann ich mich wenden?
Anlaufstellen für Betroffene und Unterstützer*innen

Dezentrale Gleichstellungsbeauftragte An jeder Fakultät gibt es ehrenamtlich arbeitende Gleichstellungsbeauftragte. Diese stehen bei Problemen . Sie sind ferner auch institutionell in die Gremien der Fakultät eingebunden und begleiten beispielsweis Berufungskommissionen. Sie bieten häufig auch ein eigenes Programm (Workshops, Fortbildungen) an.
Frauen-Notruf e.V. Beratungs- und Fachzentrum speziell zu sexueller und häuslicher Gewalt für Betroffene und deren Bezugspersonen.

Sexualisierte Gewalt an Hochschulen Quelle: Broschüre "Hochschulen ... [K]ein Raum für sexualisierte Gewalt?[!]"

Sexualisierte Übergriffe sind Ausdruck von Gewalt, Kontrolle und patriarchalen Machtverhältnissen, denen vor allem Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen ausgesetzt sind. Das Problem ist, dass gerade in männlich dominierten Bereichen sexualisierte Gewalt/Sexismus ausgeübt werden kann, ohne dass die Täter Konsequenzen zu befürchten haben. Zudem haben es Betroffene in einem solchem Umfeld schwer, sich zur Wehr zu setzen. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie sich innerhalb der Hochschule eine sexistische Struktur durchsetzt, die Frauen ausschließt und das Schweigen über sexualisierte Gewalt begünstigt.

Für den Bereich der sexualisierten Gewalt am Arbeitsplatz existieren zahlreiche Studien und Analysen. Der Hochschulbereich ist empirisch allerdings kaum erforscht, obwohl tagtäglich an Hochschulen Forschung betrieben wird. Die Tatsache, dass sexualisierte Gewalt innerhalb der Hochschulstrukturen kaum wissenschaftlich untersucht wird, ist nicht nur erstaunlich, sondern kann als symptomatisch begriffen werden.
1992 hat die FU Berlin eine Erhebung unter Studentinnen und beschäftigten Frauen zum Themenbereich ‚sexuelle Belästigung‘ durchgeführt. Insgesamt gaben 47%, also fast die Hälfte der Frauen an, Belästigung erfahren zu haben. SO ergibt sich in der gesamten Verteilung innerhalb der Statusgruppen, dass Vorgesetzte (39,2%) und gleichgestellte Kollegen (36,5%) den Hauptanteil der Täter ausmachten. Der Anteil der Belästigungen, die von Frauen beobachtet wurden, liegt noch höher, daher kann von einer weitaus größeren Dunkelziffer ausgegangen werden.
In einer Gesamterhebung einer Fachhochschule wurden 1994 mittels Fragebogen zum Thema ‚sexuelle Belästigung‘ alle Beschäftigten und Studierenden befragt. 39,2% der Befragten gaben an, Formen von sexualisierter Diskriminierung und Gewalt erlebt oder beobachtet zu haben.
Im Rahmen eines studentischen Projektpraktikums 2004 wurde eine Untersuchung mittels anonymer Fragebögen zur ‚sexuellen Belästigung‘ von Frauen an der Fachhochschule Köln durchgeführt. Auffällig waren die unterschiedlichen Belästigungsquoten der einzelnen Fakultäten. In männerdominierten Fakultäten ist die Belästigungsquote höher.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Untersuchungen alle ein erhebliches Ausmaß an sexualisierter Gewalt festgestellt haben und von einer noch höheren Dunkelziffer auszugehen ist, da das Thema immer noch stark tabuisiert wird und schambehaftet ist, so dass Betroffen-Sein oft nicht sichtbar wird.
Wie schon erwähnt ist die Häufig- und Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt kein Zufall, sondern begründet in sexistischen Strukturen. Hochschulen sind, wie durch die angeführten Studien deutlich wird, alles andere als frei davon. Wie hier sexistische Strukturen und damit die Ausübung sexualisierter Gewalt begünstigt und reproduziert werden, wird im folgenden Vier-Schritt veranschaulicht werden.

Teil 1 – Die Dominanz der Männer...

Wie sieht zunächst die allgemeine geschlechtsspezifische Verteilung von Machtpositionen an den Unis aus?
Zunächst sind im Jahre 2007 ca. 55 Prozent der bundesweit 429.879 hauptberuflichen Angestellten an Universitäten und Fachhochschulen weiblich, und der Anteil der Studentinnen mit Abschluss liegt bei ca. 51 Prozent. Es scheint sich somit einiges an Gleichstellung getan zu haben an den Universitäten, doch zeichnet sich bei der Aufteilung nach Status und Machtpositionen ein völliges anderes Bild. Der Frauenanteil im Verwaltungstechnischen Bereich (Verwaltungsangestellte, Bibliotheksangestellt etc.) beträgt 70,1 3 Prozent, aber nur 32,80 Prozent beim wissenschaftlichen und künstlerischen Personal (Professor_innen, Dozent_innen, wissenschaftliche Mitarbeiter_innnen etc). Noch gravierender zeichnet sich das Bild innerhalb der wissenschaftlichen Laufbahnen. Während mehr Frauen als Männer einen Studienabschluss erhalten, ist der Anteil der von Frauen geschriebenen Habilitationen auf 24 Prozent geschrumpft. Der Professorinnenanteil liegt dann gerade noch bei durchschnittlich 16 Prozent, und die dortige Aufteilung nach Status macht noch einmal mehr das geschlechtsspezifische Machtverhältnis deutlich- Somit ist der Hochschulbereich, wie viele andere gesellschaftliche Bereiche sexistisch strukturiert.

Teil 2 - ...als Mittel der sozialen Schließung
Innerhalb einer Hochschullaufbahn bestehen für Student_innen zumeist persönliche Abhängigkeiten zum Betreuer, sei es bei der Abschlussarbeitarbeit, der Promotion oder bei Prüfungen. Student_innen sind auf eine gute Bewertung ihrer Arbeit und – gerade wenn sie eine wissenschaftliche Karriere anstreben – auf weitere Förderung angewiesen. Oft spielen bei Karrieresprüngen informelle Gründe eine große Rolle, denn Hochschulen als Arbeits- und Forschungsstätten sind durch intensive soziale Netzwerke geprägt.
Diese Abhängigkeitsverhätnisse spielen für den Umgang mit sexualisierter Gewalt eine zentrale Rolle. Denn die Angst durch die Benennung sexualisierter Gewalt von den sozialen Netzwerken isoliert zu werden, das vermeintlich noch gute Arbeitsverhältnis zu gefährden und/oder schlechte Noten zu erhalten, führt zu einer Nicht-Thematisierung der Gewalt. Es wird in einem zumeist männerdominierten Umfeld kaum ermöglicht, sexistischen Verhaltensweisen etwas entgegen zu setzen, geschweige denn einen sexualisierten Übergriff öffentlich zu machen – jedenfalls nicht ohne erhebliche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.
Gleichzeitig müssen sich Frauen in verschiedenen Bereichen der Hochschule gegenüber eng kooperierenden und vernetzten Männergruppen (Kolloquien, Forschungsteams etc.) behaupten. Hier spielen sexualisierte Übergriffe und Mobbing auch als Machtabsicherung eine große Rolle. Auf diese Weise können zukünftige Wege in eine wissenschaftliche Karriere früh verbaut werden– auf jeden Fall ermutigen solche Zustände Frauen nicht dazu, in den herrschenden Universitätsstrukturen „am Ball zu bleiben“. Für Frauen aller Statusgruppen an Hochschulen ist sexualisierte Gewalt ein Angriff auf ihre persönliche Integrität und ihre beruflichen und privaten Entfaltungsmöglichkeiten.

Teil 3 – Der alltägliche Sexismus
Zunächst scheint die Hochschule ein Ort zu sein, der es Frauen ermöglicht, ernst genommen und nicht zum Objekt sexualisierter Übergriffe degradiert zu werden. Denn vordergründiges Ziel der Hochschule ist das Gewinnen und Weitervermitteln wissenschaftlicher Erkenntnisse. Diese sind vermeintlich objektiv, wertneutral und methodisch nachvollziehbar. Es zeigt sich aber schon im Umstand, dass sexualisierte Übergriffe an Hochschulen kaum das Forschungsinteresse wecken, obwohl es die Mehrheit der dortigen Frauen betrifft, dass geschlechtsspezifische Interessen darüber entscheiden, was als wissenschaftlich relevant gilt.
I n der Universität herrscht ein Klima, in dem Frauen nicht vermittelt wird, erwünscht zu sein. Dabei ersetzt die subtilere sexistische Argumentation, dass Frauen sich deswegen nicht in höheren Positionen befinden, weil sie sich ja auch noch zusätzlich um Familie kümmern müssten, die inzwischen überkommene Argumentation, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts nicht für das wissenschaftliche Arbeiten geeignet seien. Alltäglich werden Vorlesungen an Universitäten mit sexistischen Plattheiten „aufgepeppt“. Zumeist bleiben solche Bemerkungen unwidersprochen stehen. Dadurch wird vermittelt, dass man Frauen konsequenzlos diskriminieren kann und sie keine ernstzunehmenden und qualifizierten Gesprächspartnerinnen sind. Das Absprechen der Kompetenz von Frauen wird immer weiter tradiert und verbreitet. Man kann hier von einem wirkmächtigen Disziplinierungsappell an alle Frauen sprechen: „Nimm's mit Humor, oder halt die Klappe!“
Dazu sagen wir NEIN. Eine Atmosphäre, in der sexistische Sprüche öffentlich und widerspruchlos geäußert werden können, ermutigt Betroffene kaum, sexualisierte Übergriffe zu benennen.

Teil 4 – Der Kreis schließt sichDie Tabuisierung ist neben dem Machtgefälle und der alltäglichen sexistischen Struktur gegenüber Frauen eine weitere wesentliche strukturelle Bedingung sexualisierter Gewalt. Wenn Betroffenen jederzeit die Möglichkeit gegeben wäre, sich gegen sexualisierte Übergriffe zur Wehr zu setzen, ohne Nachteile für sich befürchten zu müssen, die Täter jedoch mit Konsequenzen rechnen müssten, dann könnte sexualisierte Gewalt zumindest nicht mehr in diesem Ausmaß stattfinden. Insofern haben sexualisierte Übergriffe und auch alle anderen Formen der Diskriminierungen von Frauen nicht nur individuelle, sondern auch strukturelle Auswirkungen. Dadurch, dass viele Frauen sich in der Struktur der Hochschule nicht wohl fühlen,ziehen sie sich aus dieser zurück oder ziehen eine Hochschulkarriere gar nicht erst in Betracht. Dies ist einer der miteinander verschränkten Gründe, warum der Frauenanteil auf höheren akademischen Positionen weiterhin stagniert und sich das männerdominierte Klima der Hochschule nicht ändert: Das System reproduziert sich selbst!

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